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04 2006

Sozialistischer Gebrauch des Arbeiterfragebogens

Raniero Panzieri, 1965

Übersetzung: Christel Schenker

Sozialistischer Gebrauch des Arbeiterfragebogens

Dieser Text ist die schriftliche Übertragung des auf Band aufgenommenen Diskussionsbeitrags des Genossen Panzieri auf dem in Turin vom 12.-14. September 1964 veranstalteten Seminar, das die Frage nach der ArbeiterInnenbefragung zum Inhalt hatte. Die von Panzieri angesprochenen Themen sollten eigentlich alle in einem größeren, einführenden Text im vorliegenden Quaderno entwickelt werden, leider wurden nur mehr wenige unzureichende Notizen aufgefunden, die nicht mehr in den schon bestehenden Text eingefügt werden konnten. Deshalb wurde entschieden, den Text in seiner mündlich vorgetragenen Form zu veröffentlichen, da es uns schien, dass trotz allem auch in diesem Format sein Wirkungsvermögen, seine Stärke erhalten bleibt und der Text außerdem den Themenreichtum des auf dem Seminar gehaltenen Vortrags aufzeigt. Die Diskussionen und Versuche der Klärung, die der Genosse Panzieri bei dieser Gelegenheit anregte, versuchten wir im Artikel des Genossen Mottura1 darzustellen sowie in der Arbeit der Revision und Wiedererarbeitung des Seminarmaterials, das in diesem selben Quaderno abgedruckt ist.

Bei der Lektüre dieses Texts muss berücksichtigt werden, dass es sich nicht um eine einführende Einleitung handelt, sondern um eine Intervention in der Hitze der Diskussion, auf die sowohl in den restlichen Texten der Quaderni Rossi Nr. 5 und jenen Nummern, die folgen sollten, Bezug genommen werden sollte. Vor allem handelt es sich um eine Intervention in die Ergebnisse, die diese Quaderni wie auch die politische Aktion der Klasse, die sich um diese herum entwickeltein den siegreichen Jahren hervorbringen sollte.

Die wenigen Anmerkungen, die dem Text hinzugefügt wurden, sind nicht zufällig, sondern tragen den Indikationen oder Notizen Panzieris Rechnung.2


Zur Klärung der politischen Ziele der Umfrage halte ich es für am sinnvollsten, auf einige Fragen des Marxismus zurückzugehen, auch wenn dies die Gefahr in sich birgt, dass die Diskussion sich auf theoretische Fragen konzentriert und vielleicht selbst dann noch steril bleibt. Das muss auf jeden Fall vermieden werden, damit dieses Seminar auch seinen praktischen Zweck erfüllt, nämlich die Ausarbeitung des Fragebogens und die Organisation und die Einleitung der Umfrage. Dies bietet andererseits vielleicht den Vorteil, eine bestimmte Arbeitsmethode der Quaderni Rossi, die – wie mir scheint – bei einigen Genossen noch auf Bedenken stößt, klarer darlegen zu können. Ich habe nämlich den Eindruck, dass einige Genossen gegenüber der Soziologie und der Anwendung soziologischer Methoden noch ein ungerechtfertigtes Misstrauen hegen, das meiner Ansicht nach auf den Überresten eines falschen Bewusstseins, d.h. eines dogmatischen Verständnisses des Marxismus, beruht. Es liegt auf der Hand, dass die Anwendung soziologischer Methoden bei der Verfolgung der politischen Ziele der Arbeiterklasse diese Diskussion neu entfachen muss, da die wissenschaftliche Grundlage einer revolutionären Aktion historisch mit dem Marxismus zusammenfällt.

Hier möchte ich ganz kurz ein paar philologische Bemerkungen einfügen: der Marxismus – des späten Marx – entsteht als Soziologie, denn was ist Das Kapital, als Kritik der politischen Ökonomie, anderes als ein Entwurf einer Soziologie? Der Kritik der politischen Ökonomie liegt der reich, wenn auch nicht immer ausreichend und überzeugend, dokumentierte Vorwurf ihrer Einseitigkeit zugrunde. Dieses Thema findet sich wohlgemerkt schon beim jungen Marx und dem Kapital; der Akzent wird nicht darauf gelegt, dass die politische Ökonomie, die den Arbeiter zum Produktionsfaktor degradiert, falsch ist, sondern dass sie begrenzt ist: sie will die gesellschaftliche Wirklichkeit nämlich in das begrenzte Schema einer spezifischen Funktionsweise pressen, die sie dann als bestmögliche und natürliche annimmt. Während diese Kritik der politischen Ökonomie in den ökonomisch-philosophischen Manuskripten und in allen Werken des jungen Marx jedoch mit einer historisch-philosophischen Konzeption der Menschheit und der Geschichte verbunden ist, der Vergleichspunkt also der entfremdete Mensch ist („der Arbeiter leidet an seiner Existenz, der Kapitalist am Gewinn seines toten Mammons“), läßt Marx im Kapital dieses philosophische, metaphysische Thema fallen, und seine Kritik richtet sich ausschließlich gegen eine spezifische Realität, nämlich die kapitalistische, ohne den Anspruch zu erheben, die universelle Antikritik gegenüber der Einseitigkeit der bürgerlichen politischen Ökonomie zu sein.3

Ich glaube, man kann wohl ohne weiteres behaupten, dass das Verständnis der Soziologie als politische Wissenschaft ein Grundzug des Marxismus ist; und wenn man eine allgemeine Definition vom Marxismus geben sollte, so ließe er sich eben so definieren: als Soziologie, die als politische Wissenschaft, als Wissenschaft von der Revolution, verstanden wird. Diese Wissenschaft von der Revolution wird jeden mystischen Inhalts entkleidet und wird auf rigorose Beobachtung, auf die wissenschaftliche Analyse zurückgeführt.

Andererseits entwickelt sich gleichzeitig mit Marx und unter der gemeinsamen Bezeichnung Marxismus eine andere Richtung, auf der wohl auch das Misstrauen des modernen Marxismus gegenüber der Soziologie an sich beruht; diese Strömung läßt sich bekanntlich auf einige Schriften Engels‘ zurückführen, der jedoch mit seinem Anspruch, einen allgemeinen Materialismus und eine allgemeingültige Dialektik, die sich auf die Physik ebenso wie auf die Soziologie als spezifische Wissenschaft, der sie vielmehr eine Metaphysik gegenüberstellt, die ebenso die Metaphysik der Arbeiterbewegung wie der Kaulquappe und des Frosches ist.4 Hinter dem Naturalismus Engelsscher Tradition, hinter dem naturalistischen Objektivismus offenbart sich hier eine mythische Konzeption der Arbeiterklasse und ihrer geschichtlichen Mission. Das grundsätzliche Misstrauen gegenüber der Soziologie ist dann durchaus gerechtfertigt, denn wenn wir den Marxismus in dieser Fassung akzeptieren müßten, wäre es offensichtlich unmöglich, eine Wissenschaft der Gesellschaftsverhältnisse zu entwickeln.

Die marxistische Soziologie, die der Kritik der politischen Ökonomie entspringt, weist ein besonderes Merkmal auf, das hervorgehoben zu werden verdient, da es sozusagen die Demarkationslinie bildet zwischen einer Soziologie der Arbeiterbewegung und einer Soziologie, die diesen Faktor nicht berücksichtigt (sie hier schon als bürgerlich zu bezeichnen, ist noch nicht gerechtfertigt). Die Grenze liegt darin, dass die Marxsche Soziologie, da sie aus der Kritik der politischen Ökonomie hervorgeht, der Beobachtung und Analyse der kapitalistischen Gesellschaft entspringt, die im wesentlichen eine dichotome Gesellschaft ist, eine Gesellschaft, in der die einseitige Darstellung der Wissenschaft, die sie entwickelt hat, d.h. der Wissenschaft der politischen Ökonomie, die andere Hälfte der Wirklichkeit unberücksichtigt läßt. Die Arbeitskraft nur als Element des Kapitals zu behandeln, stellt Marx zufolge in theoretischer Hinsicht grundsätzlich eine Beschränkung und auch eine innere Entstellung des Systems dar, das man errichtet. Für Marx ist daher die sozialistische soziologische Analyse (verstanden als politische Wissenschaft, die diese Einseitigkeit überwinden und die gesellschaftliche Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit erfassen will) dadurch gekennzeichnet, dass die sie beiden Hauptklassen der Gesellschaft in ihrer Besonderheit betrachtet. Ich weise noch einmal auf den soziologischen Charakter des Marxschen Denkens hin; Marx lehnt es in der Tat ab, die Arbeiterklassen von der Kapitalbewegung her zu bestimmen, d.h. er hält es für unmöglich, von der Kapitalbewegung ausgehend automatisch die Arbeiterklasse analysieren zu können: die Arbeiterklasse, gleichgültig ob sie als Konfliktelement und folglich als kapitalistisches Element oder ob sie als antagonistisches und das heißt antikapitalistisches Element hervorgeht, muss unbedingt einer völlig gesonderten wissenschaftlichen Analyse unterzogen werden.

Ich bin deshalb der Ansicht, dass unter diesem Gesichtspunkt das Ende der Soziologie in der marxistischen Tradition auf eine Involution des marxistischen Denkens hindeutet.

Auf diesen Punkt will ich kurz eingehen.

In der Ideengeschichte der letzten zwanzig Jahre ist es zu einem großen Aufschwung einer Soziologie gekommen, die außerhalb des marxistischen Denkens, der Marxschen Tradition und auch des Marxschen Denkens steht, auch wenn gesagt werden muss, dass die wohl bedeutendste Figur der Geschichte der Soziologie, nämlich Weber, das Marxsche Denken offensichtlich sehr ernsthaft berücksichtigt hat. Ich glaube, es lohnte sich, dass die Quaderni Rossi sich gründlicher mit diesem Thema auseinandersetzten und es in all seinen spezifischen Aspekten untersuchten. Meiner Ansicht nach hat sich die bürgerliche Soziologie sogar so weit entwickelt, dass sie hinsichtlich der Merkmale der wissenschaftlichen Analyse selbst den Marxismus übertrifft. Man kann es wagen, in der Marxschen Terminologie die Hypothese aufzustellen, dass der Kapitalismus, der in der politischen Ökonomie seine klassische Theorie eingebüsst hat (man denke an die Krise der modernen Ökonomie, der subjektiven Ökonomie, usw., sowie an die mehr oder weniger ansatzhaften Versuche, wieder an die Tradition der klassischen Ökonomie anzuknüpfen), statt dessen in der Soziologie seine nicht-vulgäre Wissenschaft gefunden hat. Mit einer derartigen Hypothese könnte man auch die objektiven Ursachen dieser Erscheinung erforschen, die – um in groben Zügen einen ersten Hinweis zu geben – vielleicht darin liegen könnten, dass der Kapitalismus, der zunächst vor allem seinen eigenen Wirkungsmechanismus erforschen muss, später, wenn er einen höheren Reifegrad erreicht, sich vielmehr der Analyse des Konsensus und der gesellschaftlichen Reaktionen, die sich auf der Grundlage dieses Mechanismus entwickeln, zuzuwenden hat. Das wird für den Kapitalismus natürlich um so dringender, je weiter er sich entwickelt und in eine höhere Phase, nämlich in die Phase der Planung, eintritt, je mehr er sich von den Eigentumsverhältnissen als bestimmendem Element befreit und seine Stabilität und seine Macht immer mehr auf die zunehmende Rationalität der Akkumulation gründet.

Das bedeutet meiner Ansicht nach keineswegs, dass die Soziologie eine bürgerliche Wissenschaft ist, sondern es heißt vielmehr, dass wir die Soziologie anwenden und kritisieren können, ebenso wie Marx es mit der klassischen politischen Ökonomie getan hat, d.h. indem wir sie als eine begrenzte Wissenschaft betrachten (und aus der Art der Umfrage, die wir vorhaben, geht deutlich hervor, dass bereits alle Hypothesen darin enthalten sind, die über den Rahmen der gängigen Soziologie hinausgehen); es heißt, dass ihre Erkenntnisse im großen und ganzen zwar richtig, d.h. nicht in sich verfälscht sind, dass sie jedoch begrenzt sind und eben dadurch zu inneren Entstellungen führen können. Sie bewahrt jedoch das für Marx wesentliche Merkmal einer Wissenschaft, nämlich eine Autonomie, die auf einer streng wissenschaftlichen, logischen Konsequenz beruht.

Ich wiederhole also, dass wir selber dem Misstrauen gegenüber der bürgerlichen Soziologie skeptisch gegenübertreten müssen, dass die Wiederbelebung eines revolutionären politischen Denkens unbedingt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Entwicklung der bürgerlichen Soziologie erfordert. Dass sich dieses Misstrauen dann im Zuge der Stalinschen Politik verstärkt hat, liegt auf der Hand, denn bei der großen sowjetischen Mystifikation des Stalinschen Denkens war es offensichtlich eine elementare hygienische Maßnahme, sich vor der Soziologie sozusagen abzuschirmen, das war absolut notwendig. Ob man dabei auf die Ursachen zurückgeht oder nicht, es ist auf jeden Fall eine unbestreitbare historische Tatsache.

Es muss auch hinzugefügt werden, dass das Thema, das Marxsche Denken als Soziologie zu betrachten, Lenin stark beschäftigte, der selber in seiner Jugend die Werke Marx‘ als soziologische Werke behandelte, wie er selbst auch ausdrücklich erklärt; und ich glaube, dass er darin – wie auch in vielen anderen Dingen – vollkommen recht hatte.5 Bevor ich noch auf einen Aspekt der zeitgenössischen Soziologie eingehe, der meiner Ansicht nach sehr kritisch untersucht werden muss, möchte ich kurz auf das Verhältnis hinweisen, das sich zwischen der Anwendung der soziologischen Umfrage und dem Marxismus herstellen lässt. Dieses Thema haben wir im Grunde seit der Gründung der Zeitschrift Quaderni Rossi erörtert, ohne es je ganz durchzudiskutieren; wir haben Behauptungen aufgestellt, aber in Wirklichkeit nie streng logisch argumentiert.

Es sei noch einmal betont, dass die gesellschaftliche Dichotomie, mit der wir konfrontiert sind, ein sehr hohes Niveau wissenschaftlicher Analyse erfordert, sowohl in bezug auf das Kapital, als auch hinsichtlich des Konflikt- und potentiell antagonistischen Elements, nämlich der Arbeiterklasse.

Die Methode der Umfrage ist für uns unter diesem Gesichtspunkt ein ständiger politischer Bezugspunkt, abgesehen davon, dass sie sich später in dieser oder jener spezifischen Umfrage konkretisieren soll; sie bedeutet nämlich, dass wir uns weigern, die Analyse des Entwicklungsstands der Arbeiterklasse von der Analyse der Entwicklung des Kapitals abzuleiten. Sie bedeutet letzten Endes, dass wir die These Lenins wiederaufnehmen wollen, wonach die politische Arbeiterbewegung das Zusammentreffen des Sozialismus mit der spontanen Bewegung der Arbeiterklasse ist. Wenn – wie Lenin mit einem recht anschaulichen Bild sagte – in der spontanen Bewegung der Arbeiterklasse die freiwillige, bewusste und wissenschaftliche Begegnung mit dem Sozialismus ausbleibt, dann ist diese Bewegung Träger der Ideologie des Klassengegners. Die Methode der Umfrage müßte es also ermöglichen, jede mystische Konzeption der Arbeiterbewegung zu vermeiden und den Bewusstseinsstand der Arbeiterklasse stets wissenschaftlich zu ermitteln; damit müßte sie auch die Möglichkeit bieten, dieses Bewusstsein auf ein höheres Niveau zu heben. Unter diesem Gesichtspunkt besteht eine Kontinuität zwischen der soziologischen Beobachtung, die mit ernsthaften und rigorosen Kriterien durchgeführt wird, und der politischen Aktion: die soziologische Umfrage stellt eine Art von Vermittlung dar, ohne die man Gefahr läuft, sich eine entweder pessimistische oder optimistische auf jeden Fall aber vollkommen willkürliche Vorstellung vom Niveau des Klassenbewusstseins zu machen, das die Arbeiterklasse erreicht hat. Es liegt auf der Hand, dass diese Überlegung die politischen Ziele der Umfrage beeinflusst, ja dass sie selbst das Hauptziel der Umfrage bildet.

Ich möchte noch kurz auf zwei Fragen zu sprechen kommen: ich halte es für notwendig, bei der Wahl der Methoden in der zeitgenössischen Soziologie wirklich kritisch vorzugehen; das gilt insbesondere für all jene Aspekte, die als Mikrosoziologie bezeichnet werden, wo die a priori festgesetzten Grenzen wahrscheinlich zu groben Entstellungen führen, das sie den Blick auf die Zusammenhänge verstellen, die aufgedeckt werden könnten, wenn die Analysen in einem größeren Rahmen durchgeführt würden. Sehr häufig nämlich werden bei diesen Untersuchungen, die zum Teil auch beispielsweise anthropologisch sind, a priori bestimmte Themen ausgewählt, die dann aus einem breiteren Zusammenhang herausgelöst und deren Beziehungen zu diesem breiteren Zusammenhang möglichst ignoriert werden, was zu einer regelrechten Entstellung bei der Wahl selbst führt. Tatsächlich werden sehr oft gerade solche Themen ausgewählt, die in den Bereich der Konfliktbewältigung gehören, während die Zusammenhänge, die zwischen den auf diesem Gebiet untersuchten Gesellschaftsverhältnissen und einer antagonistischen Perspektive der Systemüberwindung bestehen können, von vornherein ausgeklammert werden.

Es ist offensichtlich, dass die sozialistische Anwendung der Soziologie neu überdacht werden muss, und zwar im Lichte der grundlegenden Hypothesen, von denen man ausgeht und die sich in einem Satz zusammenfassen lassen: die Konflikte können in Antagonismen umschlagen und damit aufhören, systemdienlich zu sein (wobei man sich vor Augen halten muss, dass die Konflikte systemerhaltend sind, da dieses System dank der Konflikte voranschreitet).

Eine wesentliche Bedeutung gewinnt in diesem Zusammenhang unsere Forderung, eine Teil der Umfrage noch während einer besonders ausgeprägten Konfliktsituation durchzuführen und in dieser Situation das Verhältnis zwischen Konflikt und Antagonismus zu analysieren, d.h. zu prüfen, inwieweit sich das Wertsystem ändert, das der Arbeiter in normalen Zeiten äußert, welche Werte im Bewusstsein als Alternative neu geschaffen werden, welche dagegen in diese Momenten aufgegeben werden, und warum es Werte gibt, die der Arbeiter in normalen Zeiten besitzt und in Momenten der Klassenkonflikte aufgibt, oder umgekehrt.

Es müssen also insbesondere alle Phänomene untersucht werden, die Solidarität der Arbeiterklasse betreffen, sowie das Verhältnis, das zwischen der Solidarität der Arbeiter und der Ablehnung des kapitalistischen Systems besteht: es gilt also zu bestimmen, inwieweit sich die Arbeiter in Konfliktmomenten bewusst sind, dass ihre Solidarität auch in antagonistische Gesellschaftsformen einmünden kann. Letzten Endes geht es darum zu prüfen, inwieweit sich die Arbeiter bewusst sind, angesichts der auf Ungleichheit gegründeten Gesellschaft eine Gesellschaft von Gleichen zu fordern, und inwieweit ihnen bewusst ist, dass dies für eine Gesellschaft eine allgemeine Bedeutung annehmen kann, als Forderung nach Gleichheit angesichts der kapitalistischen Ungleichheit.

Wenn wir die Bedeutung einer Umfrage in Konfliktsituationen betonen, so gehen wir offensichtlich von einer grundlegenden Annahme aus: nämlich dass es einer in sich antagonistischen Gesellschaft niemals gelingt, zumindest einen der Hauptfaktoren, aus denen sie sich zusammensetzt, nämlich die Arbeiterklasse, gleichzuschalten; es muss deshalb untersucht werden, inwieweit die Dynamik konkret erfasst werden kann, durch die die Arbeiterklasse tendenziell vom Konflikt zum Antagonismus übergeht und damit die Dichotomie, von der die kapitalistische Gesellschaft lebt, explosiv macht. Daher muss die Formulierung des Fragebogens, der in diesen Situationen verwendet werden soll, meiner Ansicht nach mit der größten Sorgfalt durchdacht werden.

Noch etwas sehr wichtiges möchte ich hier hinzufügen: ausgehend von der grundlegenden Transformation des Kapitalismus, d.h. ausgehend von dem Übergang des Kapitalismus zum organisierten Kapitalismus, muss die Umfrage die Bürokratisierungsprozesse berücksichtigen, da diese tatsächlich auf dem Übergang zum organisierten Kapitalismus beruhen, d.h. auf der abnehmenden Bedeutung des Eigentumsverhältnisses als Grundlage des Kapitalismus und auf der wachsenden Bedeutung der Rationalität der Akkumulation. Die Veränderungen der Arbeiterklasse müssen daher im wesentlichen im Lichte der neuen Beziehungen zwischen Arbeitern und Technikern, der Entstehung neuer Berufsgruppen und der Veränderungen in der Zusammensetzung der Arbeiterklasse selbst gesehen werden.

Das sind meiner Ansicht nach die beiden wesentlichen Aspekte der Umfrage: einerseits, in Konfliktsituationen das Niveau der oben erwähnten Entwicklungsprozesse zu prüfen, und andererseits, die Tendenzen zu untersuchen, die die Veränderungen ihres "Status" im Bewusstsein der Arbeiterklasse und der Techniker bewirkt haben.

Bei der Umfrage muss meiner Ansicht nach ein gewisser Wandel berücksichtigt werden, der historisch in den kapitalistischen Verhältnissen eingetreten ist und den wir schematisch als eine Umkehrung des Verhältnisses zwischen Reichtum und Macht definieren können: während im klassischen Kapitalismus der Reichtum der Zweck und die Macht ein Mittel ist, neigt diese Verhältnis im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus dazu, sich umzukehren, und die Macht tendiert dazu, sich den Reichtum dienstbar zu machen, d.h. der Reichtum wird zu einem Mittel zum Ausbau der Macht.

Das ruft natürlich in allen Gesellschaftsbeziehungen bedeutende Strukturveränderungen hervor.

Auch wenn dies zwei grundlegende Aspekte der Umfrage sind, so können sie noch nicht als ihre eigentlichen Ziele bezeichnet werden; die Ziele der Umfrage lassen sich vielmehr folgendermaßen umreissen: wir knüpfen sehr große Erwartungen an die Umfrage, das sie eine korrekte, wirksame und politisch fruchtbare Methode darstellt, um mit einzelnen Arbeitern und Gruppen von Arbeitern in Kontakt zu kommen; das ist ein sehr wichtiges Ziel: zwischen der Umfrage und dieser politischen Aufbauarbeit besteht nicht nur keine Diskrepanz und kein Widerspruch, sondern die Umfrage erscheint vielmehr als ein grundlegender Aspekt dieser politischen Arbeit. Außerdem stellt die theoretische Diskussion unter Genossen, mit den Arbeitern, usw., zu der uns die Umfrage nötigen wird, eine sehr gründliche politische Bildungsarbeit dar, und auch unter diesem Gesichtspunkt ist die Umfrage ein ausgezeichnetes Mittel der politischen Arbeit. Daneben verfolgt sie noch andere politische Ziele: mir scheint nämlich, dass sie von entscheidender Bedeutung ist, um bestimmte – auch beträchtliche – Unklarheiten auszuräumen, die noch in der von den Quaderni Rossi ausgearbeiteten Theorie bestehen. Wie nämlich zahlreiche Genossen festgestellt haben, sind viele Elemente dieser theoretischen Ansätze lediglich als Antithese erarbeitet worden, entspringen also der Kritik der offiziellen Positionen oder zumindest der Kritik der Entwicklung des Denkens der Arbeiterbewegung, ohne dass die positiv begründet werden, d.h. ohne dass sie vom Klassenstandpunkt her empirisch begründet werden. Da es unmöglich ist, eine regelrechte politische Verifizierung vorzunehmen, bei der die Strenge der Untersuchung zwar auch von grundlegender Bedeutung wäre, die uns aber makroskopische Elemente und unwiderlegbares Beweismaterial an die Hand gäbe, ist eine so durchgeführte Untersuchung die in gewisser Hinsicht wichtigste Arbeit, die wir leisten können, da sie auch die Verbindung zwischen Theorie und Praxis gewährleistet, die uns heute aus objektiven Gründen verlorenzugehen scheint.

Dies ist ein Ziel, das ständig verfolgt werden müsste und das letzten Endes einen wesentlichen Aspekt unserer Arbeitsmethode darstellt.

Ein weiteres wichtiges Ziel, das wir uns setzen, besteht schließlich darin, unserer Arbeit eine europäische Dimension zu geben.

Die vergleichende Gegenüberstellung der Situation in den verschiedenen europäischen Ländern, die die Umfrage ermöglicht, müsste nicht nur uns, sondern auch den französischen und deutschen Genossen wichtige Anhaltspunkte liefern, um die Möglichkeit und die eventuellen Grundlagen einer Vereinigung der Kämpfe der Arbeiterklasse auf europäischer Ebene zu bestimmen.

(Quaderni Rossi, Nr. 5, 1965)

Dieser Text erschien in der deutschen Fassung in "Spätkapitalismus und Klassenkampf" Eine Auswahl aus den Quaderni Rossi, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main. Die folgende Anmerkung und die Fußnoten wurden für die vorliegende Veröffentlichung aus der spanischen Version übernommen.

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„Uso socialista dell’inchiesta operaia“, Quaderni Rossi, n°5, April 1965. Es handelt sich um die berühmte Monographie in den Quaderni Rossi ("Rote Hefte"): Intervento socialista nella lotta operaia, in deren Einleitung Dario Lanzardo eine lange Besprechung über das erste Modell der ArbeiterInnenbefragung vornimmt, wie sie Karl Marx vorschlug: „Keine Regierung... war mutig genug, eine ernsthafte Befragung über die Situation der französischen Arbeiterklasse durchzuführen... versuchen wir, mit den wenigen Medien, über die wir verfügen, eine zu initiieren. Unsere Hoffnung ist, dass uns bei dieser Aufgabe alle jene ArbeiterInnen in der Stadt und auf dem Land unterstützen, die verstehen, dass nur sie mit aller Erkenntnis der Ursache des Ungemachs, das sie trifft, ihre Situation beschreiben können; dass nur sie... wirksame Heilmittel für die soziale Misere, die sie erleiden, anwenden können; wir rechnen auch mit den SozialistInnen aller Richtungen, die, indem sie eine soziale Reform wollen, eine genaue und positive Erkenntnis der Konditionen, in denen die Arbeiterklasse lebt und arbeitet, einfordern müssen... Diese Arbeitshefte sind die erste Aufgabe die sich die sozialistische Demokratie aufladen muss, um die soziale Erneuerung vorzubereiten.“ (Marx in La Revue Socialiste, 20. April 1880, übersetzt als Annex zu Dario Lanzardo, „Intervento socialista nella lotta operaia: l’inchiesta operaia di Marx“, Quaderni rossi, n°5; französischer Originaltext von Marx online: http://www.le-militant.org/praxis/enqueteouvriere.htm). Die programmatische Einführung von Marx zum ausführlichen Fragebogen mit 101 Fragen verdeutlicht den Wunsch, eine Erkenntnis über die Arbeiterklasse zu produzieren, die (1) aus ihrem Inneren heraus und nicht durch eine externe Beobachtung durchgeführt wird, die (2) systematisch, empirisch und nicht impressionistisch ist und die (3) politisch beteiligt ist, eigentlich militant, indem sie explizit jeglichen Anspruch auf Neutralität verwirft. Die Monographie der Quaderni Rossi übernimmt diese Vorhaben, die auf dem Seminar in Turin ausgearbeitet wurden mit aller Strenge, wie wir in diesem Text von Raniero Panzieri bemerken können. Raniero Panzieri verstarb kurze Zeit nach dem Seminar, noch ehe die Monographie veröffentlicht war. Daher die einleitende Referenz auf „die wenigen unzureichenden aufgefundenen Notizen“ über den Text, den er nach seinem mündlichen Vortrag ausarbeiten wollte. (Anmerkung der spanischen Übersetzer)


1 Giovanni Mottura, „Note per un lavoro politico socialista“, Quaderni Rossi, n°5, op.cit., S. 49-66 (Anmerkung der spanischen Übersetzer – die deutsche Übersetzung folgt im Text den Anmerkungen der Spanischen Übersetzer)

2 Die drei folgenden Anmerkungen wurden demgemäß in diese Übertragung des Referats von Panzieri durch die Redaktion der Quaderni Rossi eingefügt (AdÜ)

3 Wie auf den folgenden Seiten klar dargestellt, enthält diese Interpretation der wissenschaftlichen Position von Marx eine Referenz auf die Interpretation Lenins, im Besonderen auf die Werke „Wer sind die Freunde des Volkes“ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten? (1894) sowie Was tun? (1902): vgl. für dieses Motiv auch Anmerkung 5

4 Es ist richtig zu unterstreichen, dass die Referenz auf Engels hier dazu dient, schematisch die sich im Marxismus durch die „Scholastik der Dialektik“ öffnende Möglichkeit (zu deren Bereich einige Werke von Engels selbst gehören) anzudeuten; dass diese Referenz also nicht die Funktion einer ausführlichen Wertschätzung des Engels’schen Werks hat. Es reicht in der Tat aus, an den konstanten Aufwand zu denken, der von Panzieri betrieben wurde, um „das andere Gesicht“ dieser „Metaphysik“ ans Licht zu holen, gut dargestellt in der Übersetzung der „Situation der Arbeiterklasse in England“ und die (unveröffentlichten) Übersetzungen vieler Jugendschriften von Engels, wie auch in der Weise, in der von Engels selbst dargebotene Klärungen über den Marx’schen Gebrauch der Dialektik wieder aufgegriffen und verwendet werden: vgl. zB. die Art, in der einige Stellen des Anti-Dühring, die häufig als typisches Beispiel dialektischer Metaphysik betrachtet werden, von Lenin in – „Wer sind die Freunde des Volkes“ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten? (1894) wieder aufgenommen; Vgl. die Briefe von Conrad Schmid (27. Oktober 1890), J.Bloch (21. September 1890), Franz Mehring (4. Juli 1893).

5 Hier wird die Referenz auf Lenin präzisiert, die schon zu Beginn erwähnt wurde [vgl. oben Anmerkung 4]. Abgesehen von der expliziten Anforderung, einige der bedeutsamsten Lenin’schen Werke wieder zu lesen, was (unserer Ansicht nach notwendigerweise und mit außerordentlicher Fruchtbarkeit) zur Verbindung des Diskurses des Genossen Panzieri führt, muss festgehalten werden, dass die Problematik, die in diesem Referat gegenübergestellt wird, einige auch methodologische Entsprechungen zu den Schriften von Lenin hat. So sagt Lenin, indem er sich der „soziologischen“ Kritik des Marx’schen Werks entgegenstellt, dass „die Reduktion der sozialen Verhältnisse auf die Produktionsverhältnisse“ „die Hypothese [ist], die zum ersten Mal an die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Soziologie glaubte“ („Wer sind die Freunde des Volkes“ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten?): „Diese Vorstellung des Materialismus in der Soziologie war schon für sich eine geniale Idee. Es versteht sich, dass es sich für den Moment immer nur um eine Hypothese handelte, aber eine Hypothese, die erstmals eine streng wissenschaftlichen Haltung gegenüber den historischen und sozialen Problemen ermöglichte.“ Später fährt er fort: „Bis jetzt war es schwierig für die Soziologen im dichten Netz der sozialen Phänomene, die wichtigen Phänomene von den unwichtigen auseinander zu halten; und sie wußten nicht, wie sie ein objektives Kriterium für eine solche Unterscheidung finden konnten... Die Analyse der sozialen materiellen Verhältnisse bot plötzlich die Möglichkeit, die Wiederholung und die Gesetzmäßigkeit anzunehmen und die Systeme der verschiedenen Länder in einem einzigen Konzept der sozialen Formation zu generalisieren. Nur diese Generalisierung erlaubte es, von der Beschreibung sozialer Phänomene zur streng wissenschaftlichen Analyse solcher Phänomene überzugehen, indem – um dies an einem Beispiel zu verdeutlichen – das Phänomen, das ein kapitalistisches Land von einem anderen unterscheidet, ausgesondert wird und jenes analysiert wird, das allen gemeinsam ist“ (ebd.).