10 2026
Jenseits von Open Access. Publizieren als infrastrukturelles Experimentieren
Ein paar Überlegungen zur Open Access Week 2026

In einem kürzlich bei Open Humanities Press erschienenen Aufsatz mit dem Titel „Who Will Find Us? What Happens to Open Access After Search?“ wirft Gary Hall eine Reihe wichtiger Fragen zur Zukunft des Open-Access-Publizierens in einer Welt auf, die zunehmend von künstlicher Intelligenz geprägt ist. Wenn Informationen die Menschen zunehmend über KI-Chatbots statt über Suchmaschinen erreichen, was wird dann aus der Annahme, dass Wissen, das online frei zugänglich ist, dadurch auch auffindbar wird? Und wie können radikale Verlage darauf reagieren? Hall lotet mehrere Möglichkeiten aus: eine Rückkehr zu analogen Formen wie Zines und Broschüren, den Aufbau direkterer Beziehungen zu den Leser_innen und die Pflege kleinerer, ortsgebundener Communities des intellektuellen Austauschs. All dies sind wertvolle Ansätze für weiteres Experimentieren. Doch was, wenn wir den Ausgangspunkt leicht verschieben? Anstatt zu fragen, wie sich das Open-Access-Publizieren an die sich wandelnden technologischen Bedingungen der Wissenszirkulation anpassen kann, sollten wir vielleicht mit einer grundlegenderen Frage beginnen: Welche Arten von intellektuellen und sozialen Beziehungen soll das Publizieren ermöglichen?
Das scheint mir gerade anlässlich der Open-Access-Woche besonders angebracht. Open Access hat viel gebracht: Es hat die Abschottung von Wissen hinter kommerziellen Bezahlschranken in Frage gestellt und wissenschaftliche Arbeiten und andere intellektuelle Leistungen über die Grenzen von Institutionen und Personen, die sich den Zugang leisten können, hinaus zugänglich gemacht. Diese Kämpfe bleiben wichtig, insbesondere da sich die Infrastrukturen des akademischen Verlagswesens zunehmend in den Händen kommerzieller Interessen konzentrieren. Doch der Zugang zu Texten ist nicht dasselbe wie der Zugang zu den Bedingungen, unter denen Wissen gemeinsam produziert, diskutiert, hinterfragt und weiterentwickelt werden kann. Ein Buch online frei zugänglich zu machen, ist wertvoll, schafft aber nicht unbedingt die Zeit, die Räume, die Beziehungen oder die Fähigkeiten, die nötig sind, um sich damit auseinanderzusetzen. Wir haben vielleicht Zugang zu einer riesigen Bibliothek von Texten, finden uns aber in der Art und Weise, wie wir ihnen begegnen, zunehmend isoliert. Die Frage ist also nicht einfach, wie man Wissen zugänglicher macht, sondern wie man die Bedingungen für gemeinsames Denken und gemeinsames Studium schafft und aufrechterhält.

Die Voraussetzungen unterschiedlicher Formen
Eine Antwort auf die zunehmende Dominanz KI-vermittelter Recherche besteht darin, sich analogen Kommunikationsformen zuzuwenden: Zines, Broschüren, gedruckten Büchern und anderen Arten von Drucksachen, die außerhalb der Infrastrukturen digitaler Plattformen zirkulieren. An dieser Strategie gibt es viel Begrüßenswertes, wenn auch vielleicht nicht in erster Linie aus dem Grund, dass analoge Medien eine Art Flucht vor der technologischen Vereinnahmung darstellen. Jede Form der Kommunikation hat ihre eigenen Möglichkeiten, Potenziale und Grenzen. Anstatt einfach einen Rückzug aus den digitalen Medien zu imaginieren, sollten wir bedenken, wozu uns unterschiedliche Formen befähigen und wie sie sich gegenseitig ergänzen könnten. Schallplatten sind zum Beispiel großartig, unter anderem wegen der Erfahrung, die sie erfordern: großformatige Covergestaltung, die physische Auseinandersetzung mit dem Objekt und eine besondere Einladung zur Verlangsamung und zum Zuhören. Bei Zines und gedruckten Büchern ist es ähnlich, nicht nur hinsichtlich ihrer materiellen Eigenschaften, sondern auch in Bezug auf die sozialen Beziehungen, die sich um sie herum entwickeln.
Welche Arten von Begegnungen werden auf Zine Fairs, radikalen Buchmessen, in Lesegruppen und bei gemeinsam organisierten Buchvorstellungen möglich? Welche Formen von Communities entstehen durch die gemeinsame Produktion von Druckerzeugnissen? Wie kann eine wunderschön gestaltete Kunstedition neben einer frei zugänglichen digitalen Version bestehen, wobei beide unterschiedliche Formen der Zirkulation und Auseinandersetzung ermöglichen? Es besteht kein zwingender Widerspruch zwischen diesen Ansätzen. Tatsächlich liegt eine der interessantesten Möglichkeiten darin, eine reichhaltigere Ökologie des Publizierens zu entwickeln, in der sich unterschiedliche Formen gegenseitig verstärken. Die digitale Verbreitung kann Werke über geografische Entfernungen hinweg zugänglich machen, während gedruckte Ausgaben und Zusammenkünfte unterschiedliche Arten von Begegnungen, Bindungen und Beziehungen schaffen können. Es geht nicht darum, das Physische gegenüber dem Digitalen zu bevorzugen oder umgekehrt, sondern damit zu experimentieren, was jedes für sich ermöglichen kann.

Vom Zugang zu kollektivem Studium
Dies führt uns zu einer zunehmend wichtigen Unterscheidung: jener zwischen dem Aufbau eines Publikums und dem Aufbau einer Community des Studiums. Verlage sind verständlicherweise besorgt darüber, wie sie Leser_innen erreichen können, vor allem wenn sich die Mechanismen der Auffindbarkeit von Texten im Internet verändern. Newsletter, Podcasts, soziale Medien und direkte Beziehungen zum Publikum bieten Möglichkeiten, die Abhängigkeit von Suchmaschinen und algorithmischen Plattformen zu verringern. Es besteht jedoch die Gefahr, dass diese Aktivitäten in erster Linie als alternative Marketingstrategien verstanden werden – als Mittel, um Aufmerksamkeit zu generieren und die Sichtbarkeit in einem zunehmend fragmentierten Medienumfeld aufrechtzuerhalten. Was, wenn wir einen anderen Ansatz erproben: Anstatt Leser_innen in erster Linie als ein Publikum zu betrachten, das es zu erreichen gilt, könnten wir sie als potenzielle Teilnehmer_innen an fortlaufenden Prozessen kollektiver intellektueller Produktion verstehen. Beim Publizieren ginge es dann weniger darum, fertige Ideen von Autor_innen an Leser_innen weiterzugeben, sondern vielmehr darum, Situationen zu schaffen, in denen Ideen vorgestellt, diskutiert, transformiert und angewandt werden können.
Dies hängt eng mit dem zusammen, was Stefano Harney und Fred Moten als study, als „Studium“ beschreiben[1]: nicht einfach formale Bildung oder individuelle intellektuelle Entwicklung, sondern etwas, das durch Zusammensein und gemeinsames Denken entsteht. Studium ist eine soziale Aktivität, die in den unterschiedlichsten Kontexten stattfinden kann, oft außerhalb der Institutionen, die Anspruch auf Autorität über Wissen erheben. Aus dieser Perspektive lässt sich der Wert einer Publikation nicht allein anhand von Auflagenzahlen, Downloads, Zitaten oder Verkaufszahlen messen. Es lässt sich auch fragen, welche Gespräche sie anregt, welche Beziehungen sie bestärkt, welche neuen Projekte sie ins Leben ruft und welche Formen kollektiver Kapazitäten sich um sie herum entwickeln. Ein Buch kann eine Einladung, ein Verbindungspunkt oder eine Ressource für fortlaufende Aktivitäten sein, und nicht einfach nur der Endpunkt intellektueller Arbeit.

Publizieren als infrastrukturelles Experimentieren
Diese Fragen haben zunehmend geprägt, wie wir Minor Compositions verstehen. Obwohl Bücher nach wie vor im Mittelpunkt des Projekts stehen, haben wir das Publizieren nie einfach als Produktion und Vertrieb von Texten verstanden. Es umfasst auch die Organisation von Gesprächen, Kooperationen, Podcasts, Veranstaltungen und Räumen für kollektives Studium. Die Bücher entstehen aus Beziehungen und tragen hoffentlich dazu bei, neue zu schaffen. Wir haben diesen Ansatz kürzlich als Publizieren als infrastrukturelles Experimentieren beschrieben.[2] Infrastruktur wird oft als die hinter den Kulissen wirkende Maschinerie verstanden, die andere Aktivitäten erst ermöglicht. Im Verlagswesen können damit Druckereien, Vertriebsnetze, Websites, Archive und Systeme zur Verwaltung von Büchern und deren Zirkulation gemeint sein. All dies ist wichtig. Infrastruktur kann aber auch im weiteren Sinn als die sozialen und organisatorischen Rahmenbedingungen verstanden werden, die bestimmte Formen kollektiven Handelns ermöglichen. Dadurch verlagert sich der Fokus vom veröffentlichten Text hin zu den Beziehungen und Prozessen, die ihn umgeben. Wer ist an der Produktion von Wissen beteiligt? Wie werden Entscheidungen getroffen? Welche Ressourcen werden geteilt? Wie werden Beziehungen gepflegt? Welche Räume gibt es, in denen Menschen einander begegnen, Ideen entwickeln und weitere Aktivitäten organisieren können? Das sind nicht einfach nur administrative Fragen. Es sind intellektuelle und politische Fragen, denn die Organisationsformen, die wir entwickeln, bestimmen, welche Arten von Wissen und kollektiven Fähigkeiten möglich werden.
Hier ergibt sich ein nützlicher Bezug zu dem vom „Design Studio for Social Intervention“ entwickelten Rahmen, das uns auffordert, die Beziehungen zwischen Ideen, Gefügen und Wirkungen zu durchdenken. Wir mögen zwar ehrgeizige Vorstellungen von kollektivem Wissen und intellektueller Emanzipation haben, aber welche Gefüge ermöglichen es tatsächlich, dass diese Gestalt annehmen? Und welche Auswirkungen haben die Gefüge, in denen wir derzeit leben, unabhängig von unseren erklärten Absichten? Für das Publizieren bedeutet dies, dass das Bekenntnis zu Offenheit, Zusammenarbeit und kollektivem Studium nicht auf den Inhalt der von uns veröffentlichten Bücher beschränkt bleiben darf. Es muss auch die Infrastrukturen prägen, über die das Publizieren stattfindet. Ein radikaler Text, der über konventionelle kommerzielle Kanäle verbreitet wird, mag zwar nach wie vor wertvoll sein, doch wie können wir auch mit anderen Formen der Produktion, Zirkulation, Steuerung und Zusammenarbeit experimentieren? Wie kann die Tätigkeit des Publizierens selbst Teil des politischen und intellektuellen Experimentierens werden, das wir fördern wollen? Dies ist keine Forderung nach Reinheit oder völliger Unabhängigkeit von bestehenden Systemen. Minor Compositions stützt sich neben anderen Gefügen durchaus auf konventionelle Druck-, Vertriebs- und digitale Plattformen. Auch muss nicht jedes Experiment zu einer dauerhaften Institution werden. Infrastrukturen können klein, provisorisch, situiert und anpassungsfähig an sich ändernde Umstände sein. Wichtig ist, die Entwicklung dieser Gefüge als aktiven Teil unserer Arbeit zu betrachten und nicht lediglich als technisches Mittel zu ihrer Umsetzung.

Jenseits des open text
So betrachtet wird Open Access Teil einer viel umfassenderen Frage nach der Organisation des intellektuellen Lebens. Einen Text frei zugänglich zu machen, ist wichtig. Aber ebenso wichtig ist es, die Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen die Zeit und die Kapazität haben, sich damit auseinanderzusetzen, die Gelegenheit, an Diskussionen darüber teilzunehmen, und die Möglichkeit, zu dem produzierten Wissen beizutragen. Dies bedeutet auch, der oft unsichtbaren Arbeit Beachtung zu schenken, durch die diese Aktivitäten aufrechterhalten werden: redigieren, organisieren, moderieren, Beziehungen pflegen, für Räume sorgen und die vielen Formen reproduktiver Arbeit, die es ermöglichen, dass kollektive intellektuelle Aktivität fortbesteht. Eine Open-Access-Publikation bedeutet nicht automatisch einen offenen oder gleichberechtigten Prozess der Wissensproduktion.
Tatsächlich können wir uns fragen, ob manche Modelle der Offenheit nicht gerade jene Formen der Ausbeutung reproduzieren, die sie eigentlich in Frage stellen wollen – indem sie intellektuelle Arbeit frei zugänglich machen, während die Bedingungen ihrer Produktion prekär, individualisiert oder von unbezahlter Arbeit abhängig bleiben. Ein infrastruktureller Ansatz erfordert, dass wir über diese Widersprüche nachdenken, anstatt anzunehmen, dass Fragen des Zugangs allein durch Lizenzvereinbarungen oder Verteilungstechnologien gelöst werden können. Das Thema der diesjährigen Open-Access-Woche, The Cost of Knowledge, bietet eine besonders nützliche Gelegenheit, diese Diskussion zu vertiefen. Welche sozialen und menschlichen Kosten gehen über die finanziellen Kosten hinaus und werden durch die bestehenden Gefüge der Produktion und Zirkulation von Wissen verursacht? Und welche anderen Gefüge können es ermöglichen, diese Kosten, Verantwortlichkeiten und Kapazitäten kollektiver zu teilen?

Lasst tausend Blumen blühen
All das liefert keine einfache Antwort auf die Herausforderungen, die durch KI oder die zunehmende Einhegung digitaler Wissensinfrastrukturen entstehen. Und wir sollten auch keine einfache Antwort erwarten. Der Aufbau von Communities des Studiums, die Schaffung alternativer Begegnungsräume, das Experimentieren mit verschiedenen Publikationsformen und die Entwicklung kollektiverer Ansätze für intellektuelle Arbeit stellen keineswegs magische Lösungen für die sich wandelnden Bedingungen des technologischen Kapitalismus dar. Aber vielleicht sind sie gerade deshalb wichtig. Sie sind es wert, getan zu werden, unabhängig davon, ob sie uns helfen, durch den aktuellen Wandel digitaler Plattformen zu navigieren. Sie sind wertvoll, weil sie andere Formen des intellektuellen und sozialen Lebens ermöglichen. Und vielleicht machen sie uns dabei auch weniger abhängig von den Infrastrukturen der Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und Zirkulation, die zunehmend von einer kleinen Zahl kapitalistischer Unternehmen kontrolliert werden.
Das Interessanteste daran ist nicht die Möglichkeit, ein einziges alternatives Modell des Publizierens zu entwickeln, sondern eine Vervielfältigung von Experimenten zu fördern. Verschiedene Communities werden unterschiedliche Gefüge entwickeln, geprägt von ihren jeweiligen Bedürfnissen, ihrer Geschichte, ihren Ressourcen und ihren Wünschen. Einige werden physische Publikationen in den Mittelpunkt stellen, andere digitale Archive, Lesegruppen, Workshops, Podcasts, kollektive Forschung oder Formen, für die es noch keine festen Bezeichnungen gibt. Die Herausforderung besteht darin, diese Experimente zu ermöglichen, das daraus Gelernte zu teilen und Wege zu entwickeln, wie sie sich gegenseitig unterstützen können. Open Access bleibt Grundlage dafür. Aber vielleicht sollten wir Open Access nicht einfach als Beseitigung von Barrieren gegenüber bestehendem Wissen verstehen, sondern als ein Element innerhalb einer umfassenderen Anstrengung, die Bedingungen zu verändern, unter denen Wissen produziert wird und kollektives Studium möglich wird. Die Frage ist nicht nur, wer lesen kann, was wir veröffentlichen, sondern was wir gemeinsam durch die Tätigkeit des Publizierens selbst schaffen und aufrechterhalten können. Lasst tausend Blumen blühen.
https://nihilistoptimism.blogspot.com/2026/10/beyond-access-publishing-as.html
[1] Stefano Harney und Fred Moten, Die Undercommons. Flüchtige Planung und schwarzes Studium, Wien et al.: transversal texts 2016, https://transversal.at/books/undercommons-de.
[2] Vortrag am 21. Oktober 2026 im Rahmen des Seminars Public Knowledge, https://besidesthescreen.com/publicknowledge/.